Der Acker-Rittersporn – Blume des Jahres 2026
Mit der Aktion 'Blume des Jahres' rückt die Loki Schmidt Stiftung seit 1980 jedes Jahr einen selten gewordenen Lebensraum in den Fokus und gibt der Natur damit eine Stimme. "Die Pflanzen und Tiere, die uns Menschen jahrhundertelang als Kulturfolger begleitet haben, die unsere Landschaften bunt und lebendig gestaltet haben, verschwinden." begründet Axel Jahn, Geschäftsführer der Loki Schmidt Stiftung, die Wahl 2026. Tatsächlich findet man den Acker-Rittersporn auf der Roten-Liste der gefährdeten Pflanzen sowohl in Bayern (2024) als auch in Deutschland (2018) mit der Einstufung 3 (= gefährdet). Ihm wird langfristig ein starker, kurzfristig ein mäßiger Rückgang attestiert.
"Segetal-Flora", "Ackerwildkraut", "Beikraut“ oder "Unkraut"?
Die Bezeichnung "Segetal-Flora“ bedeutet "zur Saat gehörig". Die meisten Arten dieser Gruppe der Ackerwildkräuter sind wie die Ackerbaukultur selbst und die damalig vorherrschenden Kulturpflanzen Emmer, Einkorn, Gerste, Erbse, Linse und Lein vor ca. 7.000 Jahren aus dem Vorderen Orient über Kleinasien und Südosteuropa zu uns gelangt und blieben auf den Lebensraum Acker und die damit verbundenen Bedingungen angewiesen.
Lebensraum des Acker-Rittersporns
Der wärmeliebende, konkurrenzschwache, einjährige Acker-Rittersporn hat auf sogenannten Kalkscherbenäckern, z. B. im Frankenjura, oder auf kalkschotterreichen Äckern, wie sie in der Münchner Schotterebene vorkommen, seinen idealen Lebensraum gefunden. Da er sich jedes Jahr aus Samen neu entwickeln muss, braucht er regelmäßig Störungen, die offenen Boden für die Keimung schaffen. In Dauerbeständen, wie z. B. Grünland, hat der Acker-Rittersporn, wie so viele andere aus der Gruppe der einjährigen Ackerwildkräuter, also keine Chance. Da es sich zudem um einen Kältekeimer handelt, ist er optimal an Winterungen angepasst und keimt wie die Winterkulturen schon im Herbst. Auf sehr gut mit Nähstoffen versorgten Äckern, wo die Kulturen und andere, produktivere Beikräuter, wie z. B. die Acker-Kratzdistel oder das Kletten-Labkraut, ihren Konkurrenzvorteil ausspielen können, kann der zarte Acker-Rittersporn nicht mithalten und wird verdrängt. Die wärmebedürftige Art kommt bei uns v. a. auf sehr kalkreichen Böden vor, weil diese auch unter kühleren, feuchteren Bedingungen nicht so schnell versauern und langfristig eine gute Basen- und Mineralstoffversorgung sichern.
Auch wenn der Acker-Rittersporn als einzigen Lebensraum in unseren Breiten den Acker nutzen kann und dort als Beikraut vorkommt, als "Unkraut" kann man ihn wohl nicht bezeichnen, so dekorativ und trotzdem filigran wie diese Pflanze aussieht. Auch ohne weitere Züchtung kann der Acker-Rittersporn als Zierpflanze verwendet werden.
In wärmeren Gefilden besiedelt er Steppen, die wegen der Trockenheit lückig genug sind, dass er sich über Samen jedes Jahr wieder etablieren kann. Oder man findet ihn an steilen Straßenböschungen, wo der Boden regelmäßig abrutscht.
Acker-Rittersporn in Dinkel
Acker-Rittersporn in Raps
Acker-Rittersporn am Straßenrand
Mit wem er sich verträgt
Mit wem sich der Acker-Rittersporn gut verträgt, zeigt sich in der Pflanzengesellschaft, der er angehört: die Adonisröschen-Gesellschaft. Sie ist an Winterfruchtkulturen extensiv genutzter Kalkäcker auf flachgründigen, skelettreichen Kalkgesteinsböden an Hängen/Plateaurändern trocken-warmer Standorte gebunden. Das Besondere an ihr ist ihr Artenreichtum, der sich in einem außergewöhnlich bunten Blühaspekt äußert. Sie gehört zu den am stärksten vom Aussterben bedrohten Pflanzengesellschaften Deutschlands, hervorgerufen durch die Intensivierung der Bewirtschaftung – v. a. den Herbizideinsatz –, aber auch durch Nutzungsaufgabe auf unrentablen Standorten.
Weil das Sommer-Adonisröschen (Adonis aestivalis), die Acker-Haftdolde (Caucalis platycarpos) und der Venuskamm (Scandix pecten-veneris) auch Kennarten dieser Gesellschaft sind, "vertragen" sie sich gut mit dem Acker-Rittersporn. Außerdem besiedeln der Acker-Wachtelweizen und die Knollen-Platterbse den gleichen Lebensraum, was zu einem besonders bunten Blühaspekt führt.
Acker-Wachtelweizen und Knollen-Platterbse
Leicht zu erkennen
Obwohl er zu einer sehr großen Pflanzenfamilie gehört – den Hahnenfußgewächsen –, gibt es bei uns kaum eine Wildpflanzenart, mit der man den Acker-Rittersporn verwechseln könnte.
Artenporträt des Acker-Rittersporns
Der Sporn, die Hummel und der Delfin
Der deutsche Name "Rittersporn" liegt in der Blütenform begründet, die sich durch den auffallenden Sporn auszeichnet. In diesem Sporn befinden sich die Nektarien, die den für Bestäuber so anziehenden Nektar produzieren. Wegen der Länge des Sporns ist diese "Delikatesse" allerdings nur für langrüsselige Insekten, wie einige Hummeln oder Schmetterlinge, erreichbar. Auf dem Foto unten links ist gut zu erkennen, wie die Gartenhummel (Bombus hortorum) bemüht ist, mit ihrem langen Kopf und dem besonders langen Rüssel möglichst weit in die Blüte vorzudringen. Außerdem wird der Acker-Rittersporn gerne von Blattwespen, -käfern, -läusen, Zikaden und Eulenfaltern besucht.
Garten- und Acker-Hummel profitieren von dem Nektar im Sporn und auch andere Nützlinge, wie der Marienkäfer, halten sich gerne hier auf. Ob der botanische Name "Delphinium" von der Form der Blütenknospen (Fotos) oder von der Form der Nektarien (leider schwer zu sehen, weil sie im Sporn versteckt sind) kommt, da ist man sich nicht einig.
Blütenknospen in Delphinform
Die Farbe Blau und der Erdbeerkuchen
Im Laufe der Geschichte hat der Mensch wohl eine besondere Vorliebe für die Farbe Blau entwickelt. Aber nicht nur Dichter und Künstler wurden von dieser Farbe inspiriert, auch (Wild-)Bienen fühlen sich von Blau besonders angezogen. Deshalb betreiben Pflanzen – wenn auch nur sieben Prozent – diesen besonders großen Aufwand, blaue Farbstoffe wie Delphinidin zu produzieren. Weiß oder Gelb wären einfacher!
Es gibt Hinweise, dass Pflanzen in Hochlagen häufiger blau blühen (jeder kennt den Enzian), weil es dort besonders wichtig ist, die wenigen Bestäuber, die es dort noch gibt, anzulocken. So schafft es wohl auch der Acker-Rittersporn, Bestäuber in ausgeräumte, blütenarme Agrarlandschaften zu holen, wo sie wichtige Aufgaben erfüllen, damit wir uns auch dieses Jahr den Erdbeerkuchen wieder schmecken lassen können – und nicht nur den.
Acker-Rittersporn und Erdbeerpflanzen
Heil- oder Giftpflanze?
Tatsächlich schließt sich das häufig gar nicht aus, denn "die Dosis macht das Gift" (Paracelsus) bzw. die Art der Herstellung. Der Botaniker und Mediziner Jacob Theodor, genannt Tabernaemontanus, schrieb im 16. Jahrhundert: "Rittersporn in Wein gesotten und den durchgesiegenen Wein getruncken jedesmal ein zimlichen Becher voll und das Morgens und Abends das ist dess Tags zweymal vertreibt den Schmerzen und Wehethumb des Magens, eröffnet die Verstopfung des Miltzs, reiniget die Nieren und Blasen, treibt fort den verstandenen Harn und führet aus Griess, Sand und den Nierenstein.".... "Alle rechtgeschaffene Wundärzte brauchen auch die Rittersporen zu ihren Wundtränken. Ein guter Tranck für die grossen Wurm im Leibe, die sonst mit keiner Arzney können oder mögen ausgetrieben werden. Der Saft von Rittersporen in die Geschwär der Augenwinckel gethan, reiniget und heilet dieselben."
Auch wenn den im Acker-Rittersporn – v. a. in den blauen Blüten – enthaltenen Anthocyan-Glykosiden eine positive Wirkung zugeschrieben wird, wird er heute wegen der ebenfalls nachgewiesenen Diterpen-Alkaloide (v. a. in den Samen) nicht mehr zu Arzneizwecken genutzt. Letztere wirken ähnlich wie das im giftigen Eisenhut enthaltene Aconitin, aber weniger stark. Die auch in getrocknetem Zustand noch kräftig blauen Blüten finden als Schmuckdroge in Tees Verwendung.
Fördern – aber wie?
Sind die zierlichen, einjährigen Pflanzen noch vorhanden, bilden sie jeweils ca. 200 Samen, was ausreicht, um im Herbst zu keimen und im nächsten Jahr wieder zu blühen und erneut Samen zu bilden. Sollten die Bedingungen in einem oder auch mehreren Jahren nicht so günstig sein – z. B. durch Kleegrasanbau – auch nicht so schlimm: die Samen bleiben mehr als zehn Jahre im Boden keimfähig. Durch Bodenbearbeitung gelangen sie wieder nach oben, wo sie im Licht keimen können.
Folgende Maßnahmen sind förderlich für den Erhalt von Acker-Rittersporn:
- regelmäßiges Pflügen
- verminderte Saatstärke
- keine Untersaat
- Herbizidverzicht
- keine Mineraldüngung; mäßige Stallmistdüngung
- möglichst späte Stoppelbearbeitung
- ausgewogene Fruchtfolge
Ökologischer Ackerbau mäßiger Intensität bietet dem Acker-Rittersporn ganz gute Chancen.
Ein wichtiger "Player“ beim Ackerwildkraut-Wettbewerb
In sechs der sieben Regierungsbezirke Bayerns haben seit 2014 bereits Ackerwildkraut-Wettbewerbe stattgefunden.
Ziele des Wettbewerbs sind
- das Engagement der Landwirte für die Vielfalt auf Äckern zu honorieren,
- die Aufmerksamkeit auf konkurrenzschwache Ackerwildkräuter und ihre Bedeutung lenken und
- die Förderung konkurrenzschwacher Ackerwildkräuter.
Da der Acker-Rittersporn mit einer Konkurrenzzahl von 1-2 als konkurrenzschwach gilt und somit für die Kulturpflanzen "keine Gefahr" bedeutet und er außerdem als gefährdet in der Roten Liste aufgeführt ist, wird er im Rahmen der Bewertungskriterien des Wettbewerbs als sehr positiv berücksichtigt. Besonders viele Punkte erhält ein Acker, wenn die seltenen, konkurrenzschwachen Ackerwildkräuter nicht nur am Rand, sondern auch im Innern vorkommen. In allen sechs Regierungsbezirken konnte der Acker-Rittersporn im Rahmen des Wettbewerbs festgestellt werden.
Ackerwildkraut-Wettbewerb
Ansiedlung
Kommt der Acker-Rittersporn nicht mehr vor und sind auch keine Samen im Bodensamenvorrat mehr vorhanden, besteht die Möglichkeit einer (Wieder-)Ansiedlung, wenn der Standort für die Art geeignet ist, die Bewirtschaftung auf dem Acker passt und genügend regionales Saatgut zur Verfügung steht.
Vorgehensweise
Ansiedlung
- optimal: Aussaat Mitte September bis Anfang Oktober
- Aussaatstärke: 100 Samen /m²
- ideale Feldfrüchte (Deckfrüchte) im Ansaatjahr: Dinkel, Roggen
- zweijähriger Anbau von früh gesätem Wintergetreide günstig
- reduzierte Saatstärke des Wintergetreides im Ansaatjahr
- ohne Getreidedeckfrucht entwickelt sich die Art am besten
Etablierung
- höchste Individuenzahlen in Roggen und Triticale
- Jahre mit Klee-Gras oder Körnerleguminosen führen zu einer starken Dezimierung. Hier ist eine Überdauerung möglich, wenn sich die Art etabliert hat und in den Jahren mit Winterungen regelmäßig zum Aussamen kommt
Durch die Bewirtschaftung wird die Art aus der Ansaatparzelle (z. B. 100 m²) nach und nach auf den ganzen Acker ausgebreitet.
Außer dem Acker-Rittersporn konnte die LfL den Acker-Wachtelweizen, das Rispen-Lieschgras, den Venuskamm und den Acker-Steinsame auf einem Betrieb im südlichen Frankenjura erfolgreich ansiedeln.
Literaturverzeichnis
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- LfL: Naturschutzleistungen des Ökologischen Landbaus: (Wieder-)ansiedlung seltener und gefährdeter Ackerwildpflanzen regionaler Herkünfte auf Ökobetrieben
- Loki-Schmidt-Stiftung
- NABU (Naturschutzbund Deutschland) e. V.
- Twerski, A., Albrecht, H., Fründ, J., Moosner, M., Fischer, Ch. (2022): Effects of rare arable plants on flower-visiting wild bees in agricultural fields. Agriculture, Ecosystems & Environment, 323. doi.org/10.1016/j.agee.2021.107685
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