Praxisinformationen
Zuchtwertschätzung für Exterieurmerkmale

Tierbeurteilung spielt schon seit dem Beginn der Tierzucht eine wichtige Rolle. Aus dem anfänglichen Formalismus, bei dem versucht wurde, Leistungseigenschaften aus Form- und Farbmerkmalen abzuleiten, entwickelte sich über die Jahrzehnte eine systematische Tierbeurteilung. Aus der Erkenntnis heraus, dass hohe Leistungen nur von gesunden und widerstandsfähigen Tieren erbracht werden können, wurden zahlreiche Exterieurmerkmale abgeleitet, die eine planmässige Zucht auf einen gesunden Körperbau ermöglichen.

Wie bei allen züchterisch interessanten Merkmalen steht aber auch bei der Tierbeurteilung nicht die phänotypische Leistung, d.h. das äußere Erscheinungsbild der Tiere, im Vordergrund. Für die züchterische Verbesserung von Eigenschaften ist der genetische Anteil an der Leistung, ausgedrückt als Zuchtwert, entscheidend. Nur so kann das genetische Leistungsvermögen, z.B. eines Besamungsbullen, genau erfasst werden.
Bis zum Jahr 1997 erfolgte die Veröffentlichung der Exterieurbewertung als Relativzahl, wobei nur eine Korrektur um den Beurteiler erfolgte. Weitere Umwelteinflüsse, wie z.B. das Herdenniveau konnten hingegen nicht berücksichtigt werden und vermengten sich mehr oder minder mit dem Zuchtwert. Eine exakte Einschätzung des genetischen Leistungsvermögens wurde mit der Einführung der Tiermodell-Zuchtwertschätzung möglich, bei der der Einfluss systematischer Umwelteinflüsse auf die Noten in der Nachzuchtbewertung rechnerisch ausgeschaltet wird.
Eine neue Ära der Exterieur-Zuchtwertschätzung begann mit der Einführung der genomischen Zuchtwertschätzung für Exterieurmerkmale bei Fleckvieh und Braunvieh im Jahr 2011. Der letzte große Schritt in der Exterieur-ZWS ist die Umstellung auf die Single-STEP-Zuchtwertschätzung beim Fleckvieh im August 2019. Die entsprechende Umstellung soll beim Braunvieh im Jahr 2020 erfolgen.
Dokumentation "Die Zuchtwertschätzung für Exterieurmerkmale"

Die Ergebnisse der Nachzuchtbewertung als Datengrundlage für die Zuchtwertschätzung Exterieur

Euter einer FleckviehkuhZoombild vorhanden

Sehr enger Strichabstand bei einer Fleckviehkuh

Auch oder insbesondere in Zeiten der genomischen Zuchtwertschätzung ist eine objektive Leistungsprüfung die Grundlage für aussagekräftige nicht-verzerrte Zuchtwerte. Eine solche objektive Leistungsprüfung setzt klar definierte Merkmale und eine einheitliche Bewertung dieser Merkmale voraus. Zur Zeit werden bei Fleckvieh und Gelbvieh Zuchtwerte für 4 Hauptmerkmale und 20 Einzelmerkmale und beim Braunvieh Zuchtwerte für 4 Hauptmerkmale und 26 Einzelmerkmale sowie ein Zuchtwert für eine Exterieur-Gesamtnote geschätzt (siehe Tabelle 2).
Allerdings muss sich auch die Exterieur-ZWS an Veränderungen in den Populationen anpassen. So wurde beim Fleckvieh auf einen immer enger werdenden Abstand zwischen den Hinterstrichen mit der Einführung des neuen Eutermerkmals „Strichplatzierung hinten“ im Frühjahr 2019 reagiert.

Exterieurzuchtwertschätzung eine internationale Zuchtwertschätzung

Die Exterieurzuchtwertschätzung ist heute eine internationale Zuchtwertschätzung. Beim Braunvieh sind die deutschen Bundesländer Baden-Württemberg und Bayern sowie Österreich beteiligt, beim Fleckvieh nehmen zusätzlich Hessen, Tschechien und Italien an der Zuchtwertschätzung teil. Die Tabelle 1 zeigt die der Zuchtwertschätzung zu Grunde liegenden Daten und deren Verteilung auf die an der Zuchtwertschätzung beteiligten Länder.

Internationale Harmonisierung durch FleckScore und BrownScore

Die Datenerfassung erfolgt in allen an der Zuchtwertschätzung beteiligten Ländern für die Einzelmerkmale verbindlich nach dem System der linearen Beschreibung. Dieses System der Bewertung von Kühen auf einer Skala von 1-9 Punkten wurde sowohl beim Fleckvieh als auch beim Braunvieh auf europäischer Ebene harmonisiert. Für die Hauptnoten Rahmen, Bemuskelung, Fundament und Euter sowie Becken beim Braunvieh wird aufgrund der Beschreibung der Einzelmerkmale eine Vorschlagsnote auf Basis eines 100-Punktesystems berechnet. Die eigens hierfür entwickelten Programme BrownScore und FleckScore werden in allen an der ZWS beteiligten Ländern eingesetzt.
In beiden Programmen werden zur Berechnung der Vorschlagsnoten die Beiträge aus den Einzelmerkmalen gemäß ihrer Auswirkungen auf die Nutzungsdauer gewichtet. Innerhalb der Einzelmerkmale, ist dabei das Optimum, d.h. der größte Beitrag des entsprechenden Merkmals, ebenfalls an der Bedeutung für die Nutzungsdauer, ausgerichtet (Abb. 2). Der ausgewiesene Vorschlag für die Komplexe Fundament und Euter sowie für die Beckennote beim Braunvieh kann vom Beurteiler um +/- 3 Punkte abgeändert werden. Somit ist das Auge der Experten weiterhin gefragt, um den Vorschlag tierspezifisch adaptieren zu können.

Programme BrownScore und FleckScore Externer Link

In Tabelle 1 werden die der Zuchtwertschätzung zu Grunde liegenden Daten und deren Verteilung, welche bei der Zuchtwertschätzung beteiligt sind, aufgezeigt.

Tabelle 1 pdf 69 KB

LiniendiagrammZoombild vorhanden

Abb.1: Zusammenhang zwischen der Nutzungsdauer und den Hauptnoten beim Fleckvieh

Das Populationsmittel liegt laktationsunabhängig bei Fleckvieh und Braunvieh bei 80 Punkten. Dabei reicht die Skala von 68-93 Punkten beim Fleckvieh und von 65-95 Punkten beim Braunvieh
Heute hat die Harmonisierung der Bewertungen ein sehr hohes Niveau erreicht. Dieses wird durch regelmäßige nationale und internationale Bewerterschulungen auf Basis von BrownScore und FleckScore sowie durch ein intensives Monitoring aller Beschreibungen gewährleistet. FleckScore wird aber nicht nur in den Ländern, die an der ZWS beteiligt sind, eingesetzt, sondern bildet die Basis der Exterieurbeurteilung in allen wichtigen europäischen Fleckviehländern. Einige dieser Länder bekunden bereits Interesse, an der gemeinsamen Zuchtwertschätzung teilzunehmen, was durch die vergleichbare Datenbasis erleichtert wird.

Von den Töchtern aus dem klassischen Prüfeinsatz zu typisierten Töchtern aus Kuhlernstichproben

Die exakte Leistungsprüfung im Bereich der Exterieurmerkmale basiert auf der Bewertung von zufällig ausgewählten Töchtern eines Bullen in der ersten Laktation. In der Vergangenheit waren dies Töchter aus dem klassischen Prüfeinsatz. Mit Einführung der genomischen Selektion ersetzen zufällig ausgewählte Töchter aus den ersten Besamungen die bisherigen Prüfbullentöchter. Auch hier ist eine Anpaarung genomischer Jungvererber an eine zufällige Stichprobe der Population anzustreben. Die Beschreibung von Töchtern geprüfter Bullen (Vergleichstiere) bewirkt eine bessere Verwandtschaftsstruktur auf der mütterlichen Seite (verbesserte Abschätzung des Anpaarungsniveaus), verbessert die Verknüpfungen zwischen den an der Zuchtwertschätzung beteiligten Ländern und ermöglicht die direkte Berücksichtigung des Betriebes im Zuchtwertschätzmodell.
Linear beschriebene und typisierte Töchter aus verschiedenen Projekten zu Kuhlernstichproben (Braunvieh-Vision beim Braunvieh sowie FLEQS in Bayern, FoKUHs in Österreich und FLECKfficient in Baden-Württemberg beim Fleckvieh) ergänzen bereits jetzt das klassische System der Töchterauswahl. Ob die lineare Beschreibung in Zukunft ausschließlich auf vertraglich gebundene Testbetrieben stattfinden wird, bleibt abzuwarten.

Genomische Zuchtwertschätzung auf Basis eines Tiermodells

Ziel einer jeden Zuchtwertschätzung ist es, das genetische Potential eines Besamungsbullen möglichst genau zu schätzen. Dies erfolgt zum einen durch die Ausschaltung wichtiger Umwelteinflüsse, zum anderen durch die Berücksichtigung sämtlicher verwandtschaftlicher Beziehungen zwischen den Tieren und durch die Nutzung genomischer Informationen.

Tabelle 2: Exterieurmerkmale und deren Heritabilitäten bei Braunvieh, Fleckvieh, Gelbvieh und Pinzgauer pdf 87 KB

LiniendiagrammZoombild vorhanden

Abb. 2: Einfluss des Abstandes vom Melken auf die Euternote

Untersuchungen zeigten, dass eine Reihe von Umwelteffekten einen Einfluss auf die Noten in der Nachzuchtbewertung haben. Insbesondere beim Euter beeinflusst der Herdendurchschnitt des Betriebes einzelne Eutermerkmale um bis zu einer Note. Die Untersuchungen zeigten ebenfalls deutliche Auswirkungen durch den "Abstand vom Melken bis zur Beurteilung" auf die Bewertungen der Eutermerkmale. Bedeutung haben ebenfalls die systematischen Umweltfaktoren „Abstand zur Kalbung“ und „Erstkalbealter“, wobei letzteres insbesondere Körpermerkmale wie Rahmen, Breite, Länge und Tiefe eines Tieres, beeinflusst.
Als Beispiel für den Einfluss systematischer Umwelteinflüsse auf die Noten in der Nachzuchtbewertung zeigt Abbildung 2 den Einfluss der „Abstandes vom Melken“ auf die Euternote.
Das Modell der Zuchtwertschätzung zeigt Abbildung 3. Als Umwelteinflüsse werden das Beurteilerjahr, Jahr und Saison, das Kalbealter, das Laktationsstadium bei der Beurteilung, die Kalbenummer der Mutter und bei Eutermerkmalen der „Abstand vom Melken bis zur Beurteilung“ berücksichtigt. Die Korrektur des Betriebsmanagements erfolgt direkt über den fixen Effekt Betrieb oder über den sogenannten Herdenjahreseffekt sowie über einen zufälligen Effekt Betriebsjahr.
y ijklmnopqr = m + BJi + JSj + Knk + Akl + Abmm + Ekan + Betro + BJp + Tierp + eijklmnopqr

wobei:
Abbildung 3: Statistisches Modell für die Zuchtwertschätzung Exterieur
y ijklmnopqrBeobachtungswerte für das Merkmal Y
MGesamtmittel
BJifixer Effekt des Beurteilers * Jahr
JSjfixer Effekt der Jahr-Saisonklasse
Knkfixer Effekt der Kalbenummer der Mutter
Aklfixer Effekt für den Abstand zur Kalbung
Abmmfixer Effekt für den Abstand vom Melken
Ekanfixer Effekt des Erstkalbealters
Betrofixer Effekt für den Betrieb oder Region * Herdenjahreseffekt * Jahr
BJpzufälliger Effekt Betrieb * Jahr
Tierpzufälliger Effekt für das Tier
eijklmnopqrzufälliger Restfehler
Im Rahmen der Single-STEP-ZWS wird dabei die angenommene Kovarianz im zufälligen Effekt für das Tier (Tierq) nicht mit der herkömmlichen Verwandtschaftsmatrix aus dem Tiermodell (A-Matrix), sondern mit der sogenannten H-Matrix beschrieben. Diese kombiniert die Informationen aus allen genotypisierten und nicht-genotypisierten Tieren.
Die Abschätzung des Managementeffekts erfolgt bei den meisten Beobachtungen über die direkte Berücksichtigung des Betriebes im Modell. Um den Betriebseffekt mit ausreichender Genauigkeit schätzen zu können, müssen insgesamt mindestens 10 Kühe auf einem Betrieb beschrieben worden sein. Bei Kühen, die auf Betrieben mit weniger Beobachtungen bewertet werden, wird ein sogenannter Herdenjahreseffekt (Herdenniveau für die Summe aus Fett- und Eiweiß-kg aus der Testtagsmodell-Zuchtwertschätzung für Milch) als Kenngröße für das Management berücksichtigt. Bei den aktuellen Bewertungen wird das Management bereits fast ausschließlich über den Betriebseffekt korrigiert.
Da sich das Management natürlich auch innerhalb eines Betriebes verändert, wurde neben dem Betriebseffekt außerdem der zufällige Effekt „Betriebsjahr“ in das Modell der ZWS eingeführt. Dieser gleicht Unterschiede zwischen verschiedenen Jahren innerhalb eines Betriebes aus. Hierdurch können Veränderungen, z.B. ein Wechsel von Anbindestall auf Laufstall, korrigiert werden.

Genetische Gruppen bei Tieren mit unbekannten Vorfahren

Zur genaueren Berücksichtigung der Abstammung von Tieren mit unbekannten Vorfahren, werden in der Zuchtwertschätzung Zuchtwerte für genetische Gruppen geschätzt. Beim Berechnen dieser Zuchtwerte werden das Herkunftsland und das durchschnittliche Geburtsjahr (abhängig vom Geburtsjahr des Tieres) des unbekannten Ahnen berücksichtigt.

Korrektur um unterschiedliche Bewerterstreuungen

Neben dem absoluten Niveau einzelner Bewerter, das in der Zuchtwertschätzung durch den Effekt Beurteiler*Jahr berücksichtigt wird, gibt es aber auch Unterschiede in den Streuungen einzelner Bewerter, die in Extremfällen den Zuchtwert eines Bullen direkt beeinflussen können. Um den Einfluss solcher „heterogenen Varianzen“ über die Bewerter zu minimieren, wird vor der eigentlichen Zuchtwertschätzung eine Korrektur der Bewerterstreuung vorgenommen, d.h. es wird eine einheitliche Streuung über alle Bewerter erzeugt. Diese Korrektur erfolgt nach einem komplexen Verfahren (MEUWISSEN et al., 1996), wodurch erreicht wird, dass nur die Streuung, die direkt auf einen Nachzuchtbewerter zurückzuführen ist, korrigiert wird. Bekanntlich gibt es natürlich auch Bullen deren Töchter eher einheitlich sind und andere Bullen deren Töchter stärker streuen. Diese Streuung bleibt bei der Korrektur erhalten, d.h. geringe bzw. hohe Streuungen, die auf einen bestimmten Bullen zurückzuführen sind, bleiben erhalten.

Single-Step als Verfahren der Wahl

Der letzte große Schritt in der Exterieur-ZWS war die Umstellung auf die Single-STEP-Zuchtwertschätzung (SST-ZWS) beim Fleckvieh im August 2019. Die SST-ZWS ermöglicht es, Typisierungsergebnisse von Kühen in die Lernstichprobe zu integrieren. Während sich die genomische Selektion in den Anfangsjahren auf die Nutzung der genomischen Informationen männlicher Tiere beschränkte, typisieren heute immer mehr Betriebe ihre weiblichen Tiere. Diese Anzahl erhöht sich durch die Kuhlernstichprobenprojekte Braunvieh-Vision, sowie beim Fleckvieh durch FLEQS in Bayern, FoKUHs in Österreich und FLECKfficient in Baden-Württemberg rasant.
In der Single-Step-ZWS werden genomische Zuchtwerte direkt, d.h. in einem Schritt, für alle männlichen und weiblichen Tiere geschätzt. Dadurch brauchen nicht mehr wie bisher in einem ersten Schritt konventionelle Zuchtwerte geschätzt und diese anschließend in einem komplexen zweiten Schritt mit den Typisierungsergebnissen (Genotypen) kombiniert werden. Es werden für alle Tiere genomisch optimierte Zuchtwerte berechnet und es gibt keine konventionellen und genomisch direkten Zuchtwerte mehr. Da die Informationen von genotypi-sierten Kühen, vor allem derjenigen mit einer Exterieur-Beschreibung, direkt ins Schätzsystem einfließen, werden alle vorhandenen Informationen optimal genutzt, und die Schätzung genomischer Zuchtwerte wird zuverlässiger. Genotypisierte und linear beschriebene Kühe werden dabei in Zukunft in großer Zahl in den Kuhlernstichproben-Projekten generiert. Aber nicht nur die genotypisierten Kühe werden Teil der Lernstichprobe, sondern auch Tiere mit eigener Leistung ohne Typisierungsergebnisse tragen ihre Informationen zum Schätzsystem bei. Hierdurch werden auch Verzerrungen der Zuchtwerte durch das Problem der sogenannten „genomischen Vorselektion“ verhindert und das Zuchtwertschätzsystem langfristig stabilisiert.
Die Einführung einer Single-Step-Zuchtwertschätzung beim Braunvieh ist für das Jahr 2020 geplant.

Durchführung an der LfL Grub

Die Exterieur-Zuchtwertschätzung erfolgt mit einem BLUP-Tiermodell, die Durchführung der Zuchtwertschätzung obliegt dem Institut für Tierzucht der LfL in Grub für die gesamte Schätzpopulation. Die Schätzung erfolgt dreimal pro Jahr in den Monaten April, August und Dezember mit dem Programm-Paket Mix99 von Lidauer et al. (Version XIII/2015).

Exterieurzuchtwerte als Hilfsmerkmale für den Zuchtwert Nutzungsdauer

Die Exterieurzuchtwerte sind nicht Bestandteil des Gesamtzuchtwerts, dienen aber als Hilfsmerkmale für die Zuchtwertschätzung Nutzungsdauer. Hierdurch wird der Gesamtzuchtwert indirekt durch das Exterieur beeinflusst.

Ergebnisdarstellung

Die geschätzten Zuchtwerte der einzelnen Merkmale werden standardisiert und als Relativzuchtwerte ausgewiesen. Gleitende Basis bilden gegenwärtig im Dezember 2019 bei Fleckvieh und Braunvieh die 8 bis 10 Jahre alten Bullen, die von Dezember 2008 bis November 2011 geboren wurden. Bei Gelbvieh und Pinzgauern werden alle 8 bis 12 Jahre alten Bullen herangezogen. Das Mittel der Basis beträgt 100 und die Streuung der wahren Relativzuchtwerte 12 Punkte. Neben der Sicherheit für das Euter wird, wenn vorhanden, zusätzlich die Anzahl der Töchter eines Bullen angegeben.
Die Relativzuchtwerte Exterieur werden in Form eines Balkendiagramms veröffentlicht. Zur leichteren Orientierung wird bei Merkmalen mit intermediärem Optimum der erwünschte Bereich (Tabelle 3) mit einem Rechteck gekennzeichnet. Abbildung 4 zeigt das Balkendiagramm für einen Fleckviehbullen, Abbildung 5 das Balkendiagramm für einen Braunviehbullen.
Neben den Exterieurzuchtwerten wird ebenfalls auf Mängel (Tabelle 4) aufmerksam gemacht, die ebenfalls im Rahmen der Nachzuchtbewertung erfasst werden. Für diese Mängel werden keine Zuchtwerte geschätzt; überschreitet die Anzahl der Töchter, die einen bestimmten Mangel aufweisen, aber eine festgesetzte bewerterkorrigierte Häufigkeit, dann wird dieser Mangel im Prüfbericht veröffentlicht. Im Fleckvieh-Prüfbericht in Abbildung 4, findet sich für den Mangel "hessig gestellt" der Vermerk "gelegentlich: hessig gestellt“. Ein solcher Mängelreport setzt natürlich bewertete Töchter voraus, findet sich also nicht bei genomischen Jungvererbern.
Entscheidend für die Veröffentlichung des Mangels Temperament ist nicht die korrigierte Bewerterabweichung sondern der genomische Zuchtwert für das Melkverhalten, wobei nur Bullen mit extrem negativen Zuchtwerten gekennzeichnet werden. Die Zuchtwertgrenzen für die Mängelkennzeichnung „gelegentlich sehr nervös“ oder „häufiger sehr nervös“ wurden so festgelegt, dass der Mangel bei ca. den 5 Prozent problematischsten Bullen erscheint. Aufgrund der niedrigen Sicherheit des Zuchtwerts Melkverhalten bei genomischen Jungvererbern, erfolgt eine Kennzeichnung nur bei geprüften Bullen mit mindestens 20 Töchtern.
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Abb. 4: Balkendiagramm für einen Fleckviehbullen

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Abb. 5: Balkendiagramm für einen Braunviehbullen

Sprunggelenke von den Hinterbeinen einer KuhZoombild vorhanden

Sprunggelenkswinkelung im Optimalbereich, Foto: Tierzucht Traunstein

Entscheidend für die Veröffentlichung des Mangels Temperament ist nicht die korrigierte Bewerterabweichung sondern der genomische Zuchtwert für das Melkverhalten, wobei nur Bullen mit extrem negativen Zuchtwerten gekennzeichnet werden. Die Zuchtwertgrenzen für die Mängelkennzeichnung „gelegentlich sehr nervös“ oder „häufiger sehr nervös“ wurden so festgelegt, dass der Mangel bei ca. den 5 Prozent problematischsten Bullen erscheint. Aufgrund der niedrigen Sicherheit des Zuchtwerts Melkverhalten bei genomischen Jungvererbern, erfolgt eine Kennzeichnung nur bei geprüften Bullen mit mindestens 20 Töchtern.
Beim Fleckvieh vervollständigt eine kurze Beschreibung der Farbvererbung den Exterieurbericht.
Tabelle 3: Optimalbereiche für die Exterieurmerkmale
MerkmalOptimalbereich
Braunvieh
Optimalbereich
Fleckvieh
Rahmen----97 - 103
Kreuzhöhe97 - 103----
Bemuskelung97 - 103---
Beckenneigung94 - 10097 - 103
Oberlinie110 - 116---
Umdreher111 - 117---
Sprunggelenkswinkelung94 - 10090 - 96
Fessel108 -114---
Euterbalance97 - 103---
Strichlänge97 - 10397 - 103
Strichdicke97 - 10397 - 103
Strichplatzierung vorn113 - 119113 - 119
Strichplatzierung hinten97 - 10397 - 103
Strichstellung hinten107 - 11397 - 103
Tabelle 4: Übersicht über die Mängel/Besonderheiten bei Braunvieh und Fleckvieh
BraunviehFleckvieh
Fundament und BeckenVorderbein verstellt
Lockere Schulter
Hessig gestellt
Rollklaue
Spreizklaue
Schwellung am Kniegelenk
Hoher Schwanzansatz
Eingefallener Mastdarm
Vorderbein verstellt
Lockere Schulter
Hessig gestellt
Rollklaue
Spreizklaue
Enges Becken
Abgedachtes Becken
EuterÖdemeuter
Seitlich enger Strichabstand
Striche milchbrüchig
Seitlich stark geviertelt
Striche nach vorne gestellt
Ödemeuter
Gestuftes Euter
Seitlich enger Strichabstand
Striche milchbrüchig
Vorderstriche nach außen gespreizt
Striche nach vorn gespreizt
Sonstige MängelNervosität / MelkverhaltenSenkrücken
Schmale Brust
Nierendruck
Nervosität / Melkverhalten

Zusammenhänge zwischen Heritabilität, Sicherheit und Töchterzahl

Bei der Ergebnisdarstellung im Balkendiagramm wird aus Gründen der Übersichtlichkeit nur die Sicherheit für den Euterzuchtwert dargestellt. Insgesamt unterscheiden sich aber die Sicherheiten der einzelnen Merkmale deutlich. Diese sind von der Anzahl bewerteter Töchter und von der Heritabilität (Erblichkeiten siehe Tabelle 2) des Merkmals abhängig. Die Tabelle 5 verdeutlicht diese Zusammenhänge für das Fleckvieh.
Tabelle 5: Sicherheit des genomisch optimierten Zuchtwerts in Abhängigkeit von der Töchterzahl und der Heritabilität des Merkmals
Sicherheit des Zuchtwerts    
Anzahl TöchterEuter
h2 = 0,24
Kreuzhöhe
h2 = 0,47
Fundament
h2 = 0,11
Trachten
h2 = 0,08
0 (GJV*)72715855
     
3083887165
5087917772
7089938076
10091958480
* genomischer Jungvererber
Bei 50 bewerteten Töchtern eines Bullen beträgt die Sicherheit des Zuchtwerts für die Kreuzhöhe 91 Prozent, für das niedrig heritable Merkmal Trachten aber nur 72 Prozent. Die höhere Sicherheit Euter im Vergleich zur Kreuzhöhe bie den genomischen Jungvererbern ist auf den mit 10 Prozent niedrigeren Polygenanteil im Euter (Kreuzhöhe 25 Prozent) zurückzuführen.

Interbull-Zuchtwertschätzung beim Braunvieh

Seit Februar 2004 beteiligt sich die Rasse Braunvieh offiziell an der Interbull-Zuchwert-schätzung für Exterieurmerkmale. Mit Ausnahme von Euterreinheit und Bemuskelung werden heute für alle Merkmale internationale Interbull-Zuchtwerte veröffentlicht:
  1. Kreuzhöhe (stature)
  2. Brustbreite (chest width)
  3. Rumpftiefe (body depth)
  4. Oberlinie (top line)
  5. Beckenlänge (rump length)
  6. Beckenbreite (rump width)
  7. Beckenneigung (rump angle)
  8. Umdreher (thurl position)
  9. Sprg. winkelung (rear leg set)
  10. Sprg. ausprägung (hock quality)
  11. Fessel (foot angle)
  12. Trachtenhöhe (heel depth)
  13. Voreuterlänge (Fore udder length)
  14. Hintereuterbreite (rear udder width)
  15. Hintereuterhöhe (rear udder height)
  16. Zentralband (udder support)
  17. Eutertiefe (udder depth)
  18. Voreuteraufhängung (fore udder attachement)
  19. Euterbalance (udder balance)
  20. Strichlänge (teat length)
  21. Strichdicke (teat thickness)
  22. Strichplatzierung vorn (front teat placement)
  23. Strichplatzierung hinten (rear teat placement)
  24. Strichstellung hinten (teat direction)
  25. Gesamtnote Rahmen (overall frame)
  26. Gesamtnote Becken (overall rump)
  27. Gesamtnote Euter (overall udder)
  28. Gesamtnote Fundament (overall feet & legs)
  29. Gesamtnote Exterieur (overall conformation score)
Insgesamt ermöglicht die Interbull-Zuchtwertschätzung eine Vergleichbarkeit von Zuchtwerten auf internationaler Ebene und bringt Vorteile im internationalen Sperma- und Zuchtviehhandel. Die konventionellen Interbull-Zuchtwerte dienen heute als Grundlage für die deutsch-österreichische genomische Zuchtwertschätzung und sollen auch in der geplanten Single-Step-Zuchtwertschätzung berücksichtigt werden.
Deutschland und Österreich sind ebenfalls an der internationalen genomischen Zuchtwertschätzung „Intergenomics“ beteiligt, bei der von Interbull genomische Zuchtwerte für alle international verfügbaren Genotypen der Rasse Braunvieh geschätzt werden. Die in diesem von ICAR anerkannten Verfahren geschätzten Zuchtwerte, werden zur Zeit nur für Bullen, für die kein genomischer Zuchtwert aus DEA vorliegt, veröffentlicht.
Beim Fleckvieh wurden Voruntersuchungen für eine Interbull-Zuchtwertschätzung durchgeführt. Da fast alle wichtigen Fleckviehländer an der gemeinsamen Zuchtwertschätzung teilnehmen, ist die Einführung einer Routine-Interbull-Zuchtwertschätzung für Exterieurmerkmale beim Fleckvieh aber nicht geplant. Vielmehr gibt es aktuell Bestrebungen zur Teilnahme von weiteren osteuropäischen Fleckviehländern an der gemeinsamen Zuchtwertschätzung.

Zusammenhänge zwischen den Noten der Nachzuchtbewertung und den genomischen Zuchtwerten

Da bei der Berechnung der Zuchtwerte sämtliche Umwelteinflüsse, die eine Note oder ein Körpermaß beeinflussen, bereinigt werden und die genomische Information berücksichtigt wird, kann natürlich nicht direkt von der durchschnittlichen Bewertung der Töchter eines Bullen auf den entsprechenden genomischen Zuchtwert des Bullen geschlossen werden. Die Ergebnisse aus den Abbildungen 6 und 7 können deshalb nur als Anhaltspunkte für die Beziehungen dienen. Die Ergebnisse sind Durchschnittswerte von 2482 Fleckvieh-Bullen ab dem Geburtsjahrgang 2005 mit mindestens 40 ausschließlich bayerischen Töchtern.
Abbildung 6 verdeutlicht, dass die durchschnittliche Kreuzhöhe der Töchter eines Bullen mit einem genomischen Zuchtwert von 80 bei 141,9 cm und bei einem Bullen mit einem Zuchtwert von 120 bei 146,1 cm liegt. Diese durchschnittlichen Kreuzhöhen können aber aus den oben beschriebenen Gründen bei gleichem Zuchtwert in einigen Bullennachzuchten deutlich voneinander abweichen. So liegt die durchschnittliche Kreuzhöhe in 106 Bullengruppen mit einem Zuchtwert von 100 zwischen 142,6 cm und 145,7 cm.
Den Zusammenhang zwischen der Euterbewertung und dem Euterzuchtwert zeigt Abbildung 7. Auffallend ist der geringe Unterschied von 4,0 Punkten zwischen einem Zuchtwert von 80 bzw. 120 Punkten. In der Höhe ähnliche Differenzen ergeben sich auch bei den übrigen Hauptnoten.
Liniendiagramm

Abb. 6: Zusammenhang zwischen der durchschnittlichen Kreuzhöhe einer Bullennachzucht und dem Zuchtwert Kreuzhöhe beim Fleckvieh

Bild in Originalgröße

Liniendiagramm

Abb. 7: Zusammenhang zwischen der durchschnittlichen Euterbewertung einer Bullennachzucht und dem genomischen Zuchtwert Euter beim Fleckvieh

Bild in Originalgröße

Den Zusammenhang zwischen der Euterbewertung und dem Euterzuchtwert zeigt Abbildung 5. Auffallend ist der geringe Unterschied von 3,2 Punkten zwischen einem Zuchtwert von 80 bzw. 120 Punkten. In der Höhe ähnliche Differenzen ergeben sich auch bei den übrigen Hauptnoten.

Genetische Trends

Die genetischen Trends für die Rassen Braunvieh und Fleckvieh zeigen die Abbildungen 9 und 10, das zugrunde liegende Datenmaterial wird in der Tabelle 6 (Stand vom Dezember 2019) aufgezeigt. Bei den Bullen handelt es sich um typisierte und publizierbare Besamungsbullen aus allen an der gemeinsamen ZWS beteiligten Ländern.
In beiden Rassen zeigt sich ein deutlicher positiver genetischer Trend in den Merkmalen Fundament und Euter sowie beim Braunvieh in der Gesamtnote Exterieur. Nach einem erfreulichen über einen längeren Zeitraum stabilen Trend im Rahmen verstärkt sich der rechnerisch positive Trend in den letzten Geburtsjahrgängen wieder. Dies gilt insbesondere für das Braunvieh. Hier gilt es weiterhin auf die negativen Beziehungen zur Nutzungsdauer hinzuweisen und einem weiteren Anstieg in der Körpergröße entgegenzuwirken.
Beim Braunvieh entwickelt sich die Beckennote positiv, was zu einem großen Teil auf die Beckenlänge und die Beckenbreite zurückzuführen ist. Der genetische Trend in der Bemuskelung bei der Zweinutzungsrasse Fleckvieh ist erfreulicherweise seit vielen Jahren stabil.
GeburtsjahrgangFleckvieh
Anzahl
Fleckvieh
Ø Tö.
Fleckvieh
Si.
Braunvieh
Anzahl
Braunvieh
Ø Tö.
Braunvieh
Si
200570510088,827912984,7
200671711588,530213585,6
20076778888,229514985,2
20088109588,430411785,1
20097359587,833233284,3
201044511188,224711583,9
20114479088,12168883,1
201254810087,923610583,4
20134968887,72206281,0
20144975585,32243174,8
2015435475,7204 63,3
2016495 74,5211 63,0
2017510 73,4165 60,3
2018343 71,981 59,4
Liniendiagramm

Abbildung 8: Genetische Trends beim Fleckvieh

Liniendiagramm

Abbildung 9: Genetische Trends beim Braunvieh