Praxisinformationen vom August 2021
Änderungen zur Zuchtwertschätzung August 2021

In den Monaten April, August und Dezember jeden Jahres wird eine Zuchtwertschätzung basierend auf den vorliegenden Leistungsprüfungsdaten durchgeführt. Aktuelle Ergebnisse können in der Online-Anwendung BaZI-Rind abgerufen werden.
Die in der Zuchtwertschätzung vorgenommenen Änderungen im Zuchtwertschätzverfahren und bei der Veröffentlichung der Zuchtwerte werden im Folgenden beschrieben.

Routinemäßig wurde die Basisgruppe für die Berechnung der Zuchtwerte bei jeder Zuchtwertschätzung aktualisiert. Dadurch ergeben sich Zuchtwertänderungen, die spezifisch für jedes Merkmal angegeben werden können. Weitere Änderungen sind in den verschiedenen Abschnitten aufgeführt:

Basisanpassung

Basistiere der Zuchtwertschätzung vom August 2021

Nach dem Übergang zu einer auf Kuhjahrgängen definierten Basis bei Fleckvieh und Braunvieh wurde in der ZWS August auch die Basisgruppe für die kleinen Rassen Gelbvieh, Pinzgauer, Tiroler Grauvieh und Vorder-/Hinterwälder umgestellt. Für alle Zuchtwertschätzungsmerkmale innerhalb der Rasse gelten die jeweiligen gleichen Basisjahrgänge.

Bei dieser Zuchtwertschätzung wurde die Basis um 4 Monate vorgerückt. Als Basistiere sind Kühe mit Probegemelk in der ZWS Milch aus folgenden Geburtszeiträumen definiert:

  • Fleckvieh: Kühe geboren zwischen August 2014 bis Juli 2017 (4-6 Jahre alt)
  • Brown Swiss: Kühe geboren zwischen August 2012 bis Juli 2015 (6-8 Jahre alt)
  • Gelbvieh, Grauvieh: Kühe geboren zwischen August 2010 bis Juli 2013 (8-10 Jahre alt)
  • Pinzgauer, Vorderwälder: Kühe geboren zwischen August 2012 bis Juli 2015 (6-8 Jahre alt)

BaZI-Rind: Änderungen seit ZWS April

Die Bullendatenbank BaZI-Rind wurde zur ZWS im April 2021 vollständig überarbeitet und ist seitdem unter folgenden Internetseiten erreichbar.
Mit der Publikation im August wurde das Melkverhalten bei Fleckvieh und Braunvieh neu aufgenommen und für das Gelbvieh wurde auf die neuen ZWS-Merkmale umgestellt.

Filtermaske

Pull-Down Menü „KB-Bullen Neu ab"

In den Filtermasken wurde zudem die Möglichkeit eingebaut, nach neuen Bullen seit einem der letzten ZWS-Termine zu suchen. Hierzu kann im Pull-Down Menü „KB-Bullen Neu ab“ der ZWS-Termin eingestellt werden, seitdem die neu in BaZI-Rind publizierten Bullen abrufbar gewesen sind.
Eine zusätzliche Filtermöglichkeit wurde zur Einschränkung der Ausgabe in der Ergebnisliste geschaffen: Unter dem Abschnitt „Ausschluss“ in der Filter-Ansicht können Bullen eingegeben werden, die nicht als Elter bzw. Elter & Großelter bei den zu suchenden Bullen vorkommen dürfen. Mit der Eingabe der Herdbuch- oder Lebensnummer können die Bullen einfach eingegeben werden, deren Nachkommen in der Ergebnisliste ausgeschlossen werden sollen.
Beispiel: Ansicht des neuen Filters beim Ausschluss von Mahango und Herzschlag bei den zu selektierenden Bullen:

Neuerungen Single-Step Verfahren + Neuer Zuchtwert Melkverhalten + Neue ZWS für Pingauer, Grauvieh, Gelbvieh und Vorderwälder

Neuerungen Single-Step Verfahren (Fleckvieh/Brown Swiss)

Einführung Single-Step Persistenz

Zur Zuchtwertschätzung im April wurden die Merkmale bei Fleckvieh und Brown Swiss weitestgehend auf die neuen Single-Step Verfahren umgestellt. Dabei wurde das Merkmal Persistenz im April zurückgestellt, da die Umstellungen bei den Single-Step Modellen der Milchmerkmale auch direkte Auswirkungen auf die aus den Zuchtwertkurven berechnete Persistenz haben. Mit der aktuellen Zuchtwertschätzung im August wird auch für die Persistenz ein Single-Step Verfahren in die Routine-Zuchtwertschätzung eingeführt. Es basiert auf den aus der konventionellen Zuchtwertschätzung geschätzten Persistenzphänotypen, die in einem anschließendem Single-Step Verfahren inklusive aller genotypisierten Tiere aus dem Genotypenpool verarbeitet werden. Hierdurch werden alle Phänotyp-Genotypkopplungen im Datenmaterial für die Schätzung der Single-Step Zuchtwerte genutzt. Neben einer deutlich verbesserten Vorhersagequalität bietet das neue Verfahren für die Persistenz auch die im Zuge der Aprilveröffentlichung beschriebenen Vorteile der Single-Step Methodik.

Mit der Einführung kommt es bei den jetzt veröffentlichten Zuchtwerten zu Änderungen, die im Ausmaß in einer ähnlichen Größenordnung sind, wie sie bereits bei den anderen Milchleistungsmerkmalen im Zuge der Umstellung auf Single-Step beobachtet werden konnten. Die genetischen Trends für das Merkmal Persistenz sind dabei weitestgehend stabil geblieben. Beim Braunvieh gilt auch mit dem Übergang zum Single-Step, dass bei der Persistenz nur nationale Informationen genutzt werden. Zur Persistenz gibt es keine MACE-Zuchtwertschätzung und damit auch keine zusätzliche ausländische Phänotypinformation, die im Rahmen von Single-Step integriert werden kann.

Bei den jüngsten genotypisierten Jahrgängen liegen die Korrelationen zum bisherigen Persistenz Zuchtwert aus dem Two-Step Verfahren bei rund 0,85, bei älteren Bullenjahrgängen über 0,90 (Fleckvieh und Brown Swiss). Bei den jüngeren nicht genotypisierten Kühen liegen die Korrelationen ebenfalls in diesem Bereich, was die hier einfließende Information aus den genotypisierten Tieren (v.a. Väter) zurückzuführen ist. Die Anstiege in den Sicherheiten sind merklich und betragen rund 4 Prozent (Fleckvieh) bzw. bis zu 10 Prozent (Braunvieh) bei den jüngsten genotypisierten Jahrgängen, wobei das generelle Niveau bei Fleckvieh mit 72 Prozent (GJ 2020-21) höher liegt als beim Braunvieh mit 66 Prozent.

Mit der Einführung einer Single-Step Zuchtwertschätzung für Persistenz verbleibt nur noch das Merkmal Leistungssteigerung, das nach wie vor nach dem ‚alten‘ Two-Step-Verfahren berechnet wird. Hier wird aktuell noch an der Entwicklung eines geeigneten Verfahrens gearbeitet. Bis auf weiteres werden deshalb hier noch Two-Step Zuchtwerte veröffentlicht. Wir rechnen aktuell mit einer Umstellung auf das neue Verfahren zur Dezember Zuchtwertschätzung.

Single-Step Exterieur

Die Durchführung der Single-Step Zuchtwertschätzung bei den Exterieurmerkmalen stellt nicht zuletzt aufgrund der Vielzahl an Merkmalen eine enorme Herausforderung dar. Aufgrund eines durch stetig anwachsende Genotypisierungen deutlich gestiegenen Zeitbedarfs bei der Zuchtwertberechnung wurde im August auf eine verbesserte Software-Version umgestellt, um damit die Berechnung im gegebene Zeitrahmen sicherstellen zu können. Mit dieser neuen verbesserten Vorgehensweise konnten einige Aspekte des Lösungsprozesses optimiert werden, was im Endeffekt auch zu genaueren Schätzwerten führt. Damit sind die ZW-Änderungen vom April 2021 auf August 2021 nicht ausschließlich durch Datenzuwachs bedingt, sondern im begrenzten Umfang auch auf diese technisch not-wendigen Anpassungen zurückzuführen.

Geplante Änderungen im Zeitplan für Kandidatenläufe

Ab September 2021 gibt es voraussichtlich einige Erweiterungen in den Abläufen der Kandidatenläufe:

  1. Neben den monatlichen Kandidatenläufen (Veröffentlichung i.d.R. am ersten Dienstag im Monat) ist ein weiterer monatlicher Zwischenlauf für neue Kandidaten ab September geplant. Die Veröffentlichung der Zwischenläufe erfolgt zwei Wochen nach dem bisher schon gewohnten monatlichen Kandidatenläufen. Das Ziel der Zwischenläufe ist die Schätzung von Kandidatenzuchtwerten in vergleichbarer Qualität, so dass diese Zuchtwerte auch bis zum nächsten Hauptlauf (Apr., Aug. bzw. Dez.) als offizielle Zuchtwerte für die Kandidaten gelten. Die Ergebnisse werden demnach auch in das Herdbuch (RDV) und das Genomikportal übernommen.
    Die in den Zwischenläufen einbezogenen Kandidaten müssen folgende Mindestkriterien erfüllen: 1) Alter bis zu 18 Monate, 2) bekannte Eltern und Großeltern, 3) keine feststellbaren Genotypkonflikte zu Vater- und Mutter- bzw. Muttersvater, 4) ausgezeichnete Genotypenqualität (Callrate mind. 99 Prozent).
    Mit den zusätzlichen Zwischenläufen erfolgt der Übergang zu einer höheren Frequenz der Zuchtwertschätzung und damit auch auf einen kürzeren Abstand zwischen den Einreichterminen für die einzureichenden Proben. Aus diesem Grund soll zukünftig noch mehr auf die möglichst kontinuierliche Verteilung der Einsendung der anfallenden Proben geachtet werden. Nur so können diese Proben auch in die kontinuierliche Verarbeitung und Genotypisierung einbezogen werden.
  2. Mit der Einführung der Zwischenläufe im September wird neben der Häufigkeit der Kandidatenläufe auch die Verarbeitungszeit der Proben von der Probeneinreichung bis zur Veröffentlichung der Zuchtwerte weiter verkürzt. Durch eine Optimierung der Logistik zwischen den Labors, der Genomdatenbank und der Zuchtwertschätzung können somit die Gewebeproben für Tiere aus der Routinebeauftragung (Zuchtprogramm) etwas später eingereicht werden. Genaue Zeitpläne für die Einreichung dieser Proben werden in Kürze auf der Homepage der ASR und des LfL-ITZ abrufbar sein.

Neuer Zuchtwert Melkverhalten (Fleckvieh, Brown Swiss)

Dr. Dieter Krogmeier, LfL-ITZ
Dem Tierverhalten und besonders dem Melkverhalten (MVH) einer Kuh wird in der Praxis große Bedeutung zugemessen. Neben dem Aspekt der Unfallverhütung beeinträchtigen nervöse, teilweise auch aggressive Tiere den Betriebsablauf und den Melkvorgang in nicht unerheblichem Maße. Bisher erfolgt nur eine Kennzeichnung des „Mangels Nervosität“ im Balkendiagramm Exterieur bei geprüften Bullen. Ein Zuchtwert und somit Informationen für genomische Jungvererber liegen bisher nicht vor.
Mit der Einführung der neuen Single-Step-ZWS und der Nutzung der Informationen aus den Kuhlernstichprobenprojekten hat sich die Situation geändert. Umfangreiche Validierungsstudien zeigen eine ausreichende Sicherheit für die züchterische Nutzung und die Einführung offizieller Zuchtwerte.
Datengrundlage für die ZWS Melkverhalten
Die Erfassung des Melkverhaltens im Rahmen der Nachzuchtbewertung, beruht auf der Befragung des Melkpersonals. Durch die tägliche Arbeit mit dem Tier beim Melken oder die Tierbeobachtung beim Melken im Roboter, lassen sich zum MVH, im Gegensatz zum früher erfassten Tierverhalten, deutlich verlässlichere Aussagen erhalten. Die Datenerfassung erfolgt anhand einer 4-teiligen Skala (Tabelle1). Um eine Vergleichbarkeit der Ergebnisse über Ländergrenzen hinweg zu er-reichen, wurden die Ausprägungen der einzelnen Stufen der Skala exakt definiert. So gilt als Definition für den Normalfall „unauffälliges Melkverhalten“ - Die ganz normale Kuh in der Herde, die der Bauer beim Melken und in der Herde als unauffällig bezeichnet oder gar nicht bewusst wahrnimmt -.
Tabelle 1: Skala und Zielwerte für das Melkverhalten
4 = sehr ruhiges Verhalten=> ca. 10 Prozent
5 = unauffälliges Verhalten=> Normalfall!!!
6 = leicht nervös
7 = stark nervös=> max. 5 Prozent
Datengrundlage für die neue ZWS Melkverhalten sind bei Brown Swiss die bayerischen und baden-württembergischen Daten aus der Nachzuchtbewertung und die in Österreich vom Kontrollorgan erfassten Ergebnisse. Bei Fleckvieh fließen die deutschen, österreichischen und tschechischen Daten aus der Nachzuchtbewertung und die in Österreich vom Kontrollorgan erfassten Ergebnisse, ein.
Single-Step-Zuchtwertschätzung für das Melkverhalten
Für das MVH wurde bei Fleckvieh eine Heritabilität von 5,3 Prozent und bei Brown Swiss von 5,0 Prozent geschätzt. Diese liegen somit niedriger als bei den sonstigen Exterieurmerkmalen, die zwischen 47 Prozent (Kreuzhöhe) und 8% (Trachtenhöhe) liegen. Aufgrund der niedrigen Heritabilität wird der Zuchtwert in beiden Rassen erst ab einer Sicherheit von 40 Prozent veröffentlicht.
Die Tabellen 2 und 3 zeigen die Zuchtwerte und Sicherheiten für ausgewählte Tiergruppen. Aufgrund der niedrigen Heritabilitäten sind die Streuungen für das Melkverhalten geringer als in den übrigen Exterieurmerkmalen.
Tabelle 2: Zuchtwerte und Sicherheiten ausgewählter Tiergruppen bei Brown Swiss (Mindestsicherheit 40 Prozent)
 NZuchtwertSicherheit (%)
Typisierte Kühe 39.746101,8 ± 5,6
76 – 124
47,1 ± 4,3
40 – 63
Bullen mit mind. 20 Töchtern2.406100,1 ± 5,9
70 – 120
64,5 ± 8,5
44 – 98
Kandidaten ab GJ 20178.084102,6 ± 5,4
78 – 121
45,6 ± 4,1
40 – 59
Tabelle 3: Zuchtwerte und Sicherheiten ausgewählter Tiergruppen bei Fleckvieh (Mindestsicherheit 40 Prozent)
 NZuchtwertSicherheit (%)
Typisierte Kühe 222.544100,0 ± 4,1
79 – 118
56,6 ± 4,7
40 – 79
Bullen mit mind. 20 Töchtern11.01998,7 ± 5,4
70 – 116
73,0 ± 7,3
41 – 99
Kandidaten ab GJ 201766.262100,2 ± 4,0
79 – 116
56,7 ± 4,3
40 – 69
In den Tabellen 4 und 5 finden sich Beispiele für geprüfte Bullen unterschiedlicher Jahrgänge mit hohen bzw. niedrigen Zuchtwerten für das Melkverhalten. Neben dem Zuchtwert mit Sicherheit findet sich die „gewichtete Häufigkeit, also der Anteil an leicht und stark nervösen Kühen in einer Bullennachzucht. Für die Berechnung wurden stark nervöse Kühe doppelt gewichtet.
Tabelle 4: Zusammenhang zwischen Zuchtwert und der Häufigkeit nervöser Kühe für einige Brown Swiss-Bullen
BulleGeburtsjahrTöchter
MVH
ZW MVH
Sicherheit
Gewichtete
Häufigkeit
Nervosität
leicht
Nervosität
stark
PAYLENG 10/435201201119389 79%14,5%5,2% 4,7%
AG HERCULES 10/354860201218479 80%27,1%14,1%6,5%
GLARUS 10/344750201613883 75%21,7%10,1%5,8%
VINTOR 10/4352352014186114 79%3,8%3,8%-
ANIBAY 10/4352282013457117 88%3,1%2,3%0,4%
VASSLI 10/43517920101361114 95%6,3%4,7%0,8%
Tabelle 5: Zusammenhang zwischen Zuchtwert und der Häufigkeit nervöser Kühe für einige Fleckviehbullen
BulleGeburtsjahrTöchter
MVH
ZW MVH
Sicherheit
Gewichtete
Häufigkeit
Nervosität
leicht
Nervosität
stark
REXON 11/7598198946271 97%23,4%8,2% 7,6%
ENDELL 10/175614201045380 89%25,8%17,9%4,0%
GS HUT AB 10/606257201636890 88%18,8%14,8%2,0%
EMMERICH 10/6062482015585109 91%7,9%6,3%0,9%
INNTAL 10/6058772009100116 76%4,0%2,0%1.0%
REDER 01/216101989479108 96%2,5%1,3%0,6%
Keine negativen Auswirkungen auf andere Merkmale
Häufig wird die Frage gestellt, ob eine Zucht auf ruhigere Tiere im Melkverhalten nicht zu nachteiligen Entwicklungen in anderen Bereichen, z.B. der Milchleistung, führen könnte. Dies hat sich glücklicherweise nicht gezeigt. Bei Fleckvieh und Brown Swiss deutet sich ein positiver Einfluss des Melkverhaltens auf die Melk-barkeit an. Ruhigere Tiere sind bei Brown Swiss außerdem tendenziell etwas stärker bemuskelt und haben tendenziell etwas höhere Zuchtwerte im maternalen Kalbeverhalten und der Nutzungsdauer. Beim Fleckvieh tendieren sehr ruhig Bullen zu höheren Zuchtwerten Nettozunahme. Hier sind die Zuchtwertkorrelationen zum Fitnesswert zwar negativ, aber bisher sehr niedrig und nicht signifikant.
Die Ausweisung eines Optimalbereichs für das Merkmal wird deshalb aktuell als nicht notwendig erachtet, die weitere Entwicklung wird aber im Auge behalten.
Bedachtsame Bullenauswahl
Mit dem Zuchtwert Melkverhalten bekommt der Züchter ein Hilfsmittel an die Hand, um in Richtung einer ruhigen und umgänglichen Herde zu züchten. Auch wenn bei der Einführung eines Zuchtwerts die Erwartungen häufig sehr hoch sind, sollten schon aufgrund der niedrigen Erblichkeit, Selektionsentscheidungen bedachtsam und unter Berücksichtigung aller übrigen Zuchtwerte erfolgen.

Neue ZWS für Pingauer, Grauvieh, Gelbvieh und Vorderwälder

Dr. Christian Fürst, ZuchtData
In den letzten Jahren wurden viele Weiterentwicklungen in der ZWS nicht sofort bei den „kleinen Rassen“ umgesetzt, um zu häufige Zuchtwert-Änderungen zu vermeiden. Bei der August-ZWS wurden diese Neuerungen für die Rassen Pinzgauer, Grauvieh, Gelbvieh und Vorderwälder gesammelt in die Routine umgesetzt. Im Folgenden werden die einzelnen Umstellungen kurz dargestellt, für Details verweisen wir auf die beim Testlauf verschickten Informationen.

Zuchtwerte für neue Merkmale

Gesundheit
Mittlerweile stehen auch für die kleinen Rassen ausreichend Daten von tierärztlichen Diagnosen und geburtsnahen Beobachtungen zur Verfügung, um eine ZWS für Gesundheitsmerkmale durchführen zu können. Nur beim Gelbvieh wird aufgrund einer unzureichenden Datenmenge vorerst auf eine ZWS für Mastitis verzichtet. Das Milchfieber wird Teil einer späteren ZWS für Stoffwechselstabilität sein und wird bis auf weiteres noch nicht eingeführt.
Die frühen Fruchtbarkeitsstörungen (FFR, v.a Nachgeburtsverhaltung) ergänzen gemeinsam mit den Zysten (ZYS) die bisherigen Fruchtbarkeitsmerkmale (Non-Return-Rate Kalbin/Kuh, Rastzeit, Verzögerungszeit Kalbin/Kuh). Die insgesamt 7 Fruchtbarkeitsmerkmale werden im neuen Fruchtbarkeitswert FRW entsprechend der wirtschaftlichen Bedeutung zusammengefasst (Tabelle 1).
Der Mastitis-Zuchtwert wird wiederum mit dem Zellzahl-Zuchtwert kombiniert und als Eutergesundheitswert EGW veröffentlicht, wobei Zellzahl mit 70 Prozent und Mastitis mit 30 Prozent gewichtet werden. Aufgrund des fehlenden Mastitis-Zuchtwerts wird für das Gelbvieh kein EGW berechnet.
Tabelle 1: Gewichtung der Merkmale im Fruchtbarkeitswert FRW (%).
MerkmalPinzgauerGrauviehGelbviehVorderwälder
NR56-Kalbin10101010
NR56-Kuh25253525
Rastzeit0000
Verz-Kalbin10101010
Verz-Kuh25253525
FFR20201020
ZYS1010010
Diese neuen Zuchtwerte werden wie üblich als Relativzuchtwerte veröffentlicht, wobei höhere Werte züchterisch erwünscht sind, also weniger Fruchtbarkeitsstörungen bzw. eine bessere Eutergesundheit bedeuten.
Aufzuchtverluste
Der neue Merkmalsbereich Aufzuchtverluste umfasst die Totgeburtenrate (tot geboren oder innerhalb von 48 Stunden verendet) und die Aufzuchtphase bis 10 Monate bei den männlichen und bis 15 Monate bei den weiblichen Jungrindern. Datengrundlage für die ZWS sind Verendungsmeldungen aus der Tierkennzeichnung.
Aus den einzelnen Abschnitts-Zuchtwerten wird gemäß der wirtschaftlichen Bedeutung der sogenannte Vitalitätswert VIW errechnet, wobei die Totgeburten und die weiteren Aufzuchtverluste jeweils mit ca. 50% gewichtet werden (Tabelle 2).
Der VIW wird ebenfalls als Relativ-ZW dargestellt, wobei Werte über 100 niedrigere Aufzuchtverluste bzw. höhere Überlebensraten bedeuten. Es wird nur der VIW veröffentlicht, die Einzelzuchtwerte (also auch Totgeburten) nicht.
Tabelle 2: Gewichtung der Abschnitte im Vitalitätswert VIW (%)
MerkmalPinzgauerGrauviehGelbviehVorderwälder
Totgeburten pat.50525250
Abschnitt 125242425
Abschnitt 2012120
Abschnitt 325121225

Modernisierung der ZWS-Modelle

Nutzungsdauer
Neben den beschriebenen neuen Fitness-Zuchtwerten wurden auch die ZWS-Verfahren bei weiteren Fitnessmerkmalen auf den neuesten Stand gebracht. Das betrifft speziell die ZWS Nutzungsdauer, die auf völlig neue Beine gestellt wurde.
Die bisherige ZWS Nutzungsdauer erfolgte mit einer sogenannten Lebensdaueranalyse (Survival Analyse). Nachteil der bisherigen ZWS war, dass es sich dabei um kein Tiermodell gehandelt hat und dadurch die Kuh-Zuchtwerte näherungs-weise berechnet werden mussten. Problematisch war auch, dass die gesamte Nutzungsdauer nur einem (dem letzten) Betrieb zugeordnet werden musste und so Betriebswechsel nicht sauber abgebildet werden konnten.
Das neue ZWS-Verfahren basiert wie bei allen anderen Merkmalen jetzt auch auf einem BLUP-Tiermodell. Im neuen Modell wird die Nutzungsdauer einer Kuh bis zur 7. Abkalbung in insgesamt 9 Abschnitte unterteilt. In jedem Abschnitt wird unterschieden, ob die Kuh den Abschnitt überlebt hat oder nicht.
Zur Erhöhung der Sicherheit des Nutzungsdauer-Zuchtwerts wird der reine Nutzungsdauer-ZW mit Exterieur-Merkmalen, die einen genetischen Zusammenhang zur Nutzungsdauer aufweisen, kombiniert (Tabelle 3). Die wichtigsten Merkmale sind dabei die Euter- und Fundament-Zuchtwerte. Weiters wird berücksichtigt, dass ein leicht negativer genetischer Zusammenhang zwischen Rahmen und Nutzungsdauer besteht, das heißt, dass mittelrahmige Kühe tendenziell länger leben als zu große und schwere Tiere. Dieser mit den Exterieur-Merkmalen kombinierte Nutzungsdauer-Zuchtwert geht wie bisher in den GZW ein und stellt den offiziellen Nutzungsdauer-Zuchtwert dar – auf die Kombination mit weiteren Fitnessmerkmalen wird verzichtet.
Tabelle 3: Genetische Korrelationen der Hilfsmerkmale zur Nutzungsdauer
MerkmalPinzgauerGrauviehGelbviehVorderwälder
Rahmen-0,08-0,09-0,11-0,12
Fundament/Form+0,36+0,39+0,31+0,32
Euter+0,39+0,45+0,50+0,40
Kalbeverlauf
Bisher erfolgte die Kalbeverlaufs-ZWS gemeinsam mit der Totgeburtenrate. Mit der neuen ZWS wandert die Totgeburtenrate wie beschrieben zur neuen ZWS Aufzuchtverluste, der Kalbeverlauf wird jetzt gemeinsam mit der Trächtigkeitsdauer geschätzt. Es ist bekannt, dass eine längere Trächtigkeitsdauer in der Regel zu größeren Kälbern führt und damit auch zu mehr Geburtsproblemen. Bei der neuen ZWS wird die Trächtigkeitsdauer als Hilfsmerkmal in diesem Zusammenhang zur Erhöhung der Sicherheit des ZW Kalbeverlaufs genutzt. Der veröffentlichte Kalbeverlaufs-ZW wurde bisher als Durchschnitt der Zuchtwerte für erste und weitere Abkalbungen errechnet. Neu wird mit einer Gewichtung von 75 : 25 Prozent ein höheres Gewicht auf die erste Abkalbung gelegt. Der ZW Trächtigkeitsdauer dient als reines Hilfsmerkmal und wird nicht veröffentlicht.

Basis

Die sogenannte Basis der Zuchtwerte stellt in der ZWS den Bezugspunkt für die geschätzten Zuchtwerte dar. Das bedeutet, dass die Tiergruppe der Basistiere im Durchschnitt bei allen Relativzuchtwerten (GZW, MW, usw.) auf 100 bzw. bei den Milchmerkmalen auf 0 gesetzt werden. Diese Bezugsbasis wird bei jeder ZWS aktualisiert, d.h. um ca. 4 Monate nachgerückt (gleitende Basis). Bisher wurde eine Stierbasis verwendet, die aber im August bei allen Rassen auf eine Kuhbasis umgestellt wurde, da diese besonders bei den kleinen Rassen deutlich stabiler ist. Bei Pinzgauer und Vorderwälder bilden neu die 6-8 und bei Grauvieh und Gelbvieh die 8-10 Jahre alten Kühe die Basis. Dadurch ist in Zukunft mit sehr einheitlichen Basisabschreibungen bei jeder ZWS zu rechnen.

Anpassung der Gewichte im Gesamtzuchtwert GZW (Zuchtziel)

Die beschriebenen Umstellungen in der ZWS haben selbstverständlich eine direkte Auswirkung auf den Gesamtzuchtwert GZW (siehe Tabelle 4 bis 7). Zusätzlich wurden die Gewichtungen von den Rassenverantwortlichen hinsichtlich des gewünschten Zuchtziels angepasst.
Über FRW und EGW sind also erstmals Gesundheitsmerkmale direkt im GZW und damit im Zuchtziel enthalten.
Eine weitere kleine Änderung betrifft die Milchwert-Sicherheit. Bisher wurde die Sicherheit für die Fettmenge als MW-Sicherheit ausgewiesen, das wird auf die echte Index-Sicherheit (MW) umgestellt. Das hat überwiegend merklich höhere MW-Sicherheiten als bisher zur Folge.
Tabelle 4: Wirtschaftliche Gewichte pro genet. Standardabweichung (%) – Pinzgauer
 bis Apr. 21ab Aug. 21
MILCH3636
FLEISCH1414
FITNESS5050
Fett-kg1717
Eiweiß-kg1919
Nettozunahme7,27
Handelsklasse7,27
Nutzungsdauer22,518
Persistenz1,52
FRUmat -> FRW7,512
Kalbeverlauf pat.0,751
Kalbeverlauf mat.0,751
Totgeburten pat. -> VIW2,93
Totgeburten mat.2,9
Zellzahl -> EGW7,610
Melkbarkeit3,33
Tabelle 5: Wirtschaftliche Gewichte pro genet. Standardabweichung (%) – Grauvieh
 bis Apr. 21ab Aug. 21
MILCH2020
FLEISCH2025
FITNESS6055
Fett-kg5,09
Eiweiß-kg14,911
Nettozunahme-Ochs56,25
Handelsklasse-Ochs56,25
Nettozunahme-Kalb56,25
Handelsklasse-Kalb56,25
Nutzungsdauer19,318
Persistenz7,07
FRUmat -> FRW10,610
Kalbeverlauf pat.1,11
Kalbeverlauf mat.1,12
Totgeburten pat. -> VIW3,94
Totgeburten mat.3,9
Zellzahl -> EGW11,211
Melkbarkeit2,02
Tabelle. 6: Wirtschaftliche Gewichte pro genet. Standardabweichung (%) – Gelbvieh
 bis Apr. 21ab Aug. 21
MILCH3434
FLEISCH2020
FITNESS4646
Fett-kg4,116
Eiweiß-kg30,418
Nettozunahme8,88
Ausschlachtung5,66
Handelsklasse5,66
Nutzungsdauer13,413
Persistenz22
FRUmat -> FRW6,87
Kalbeverlauf pat.1,83
Kalbeverlauf mat.1,85
Totgeburten pat. -> VIW4,14
Totgeburten mat.4,1
Zellzahl9,710
Melkbarkeit22
Tabelle 7: Wirtschaftliche Gewichte pro genet. Standardabweichung (%) – Vorderwälder
 bis Apr. 21ab Aug. 21
MILCH4444
FLEISCH1212
FITNESS4444
Fett-kg1120
Eiweiß-kg3324
Nettozunahme5,24
Ausschlachtung3,34
Handelsklasse3,34
Nutzungsdauer1311
Persistenz55
FRUmat -> FRW610
Kalbeverlauf pat.1,51
Kalbeverlauf mat.1,52
Totgeburten pat. -> VIW1,53
Totgeburten mat.1,5
Zellzahl -> EGW78
Melkbarkeit74
Die beschriebenen Änderungen im Fitnessbereich und im Gesamtzuchtwert sind teilweise gravierend, sodass die ZW-Änderungen durchaus deutlich sind. Es handelt sich auf jeden Fall um sehr wichtige Weiterentwicklungen, die die ZWS-Systeme für die „kleinen Rassen“ wieder auf den neuesten Stand bringen!
Neben der dreimaligen Hauptschätzung mit den Single-Step Verfahren werden monatliche Kandidatenläufe der genomischen Zuchtwertschätzung durchgeführt. An diesen Terminen gibt es für die jeweils neu aufgelaufenen Kandidaten genomische Zuchtwerte, die über den Zuchtverband den Auftraggebern mitgeteilt und gleichzeitig auch in den RDV eingepflegt werden, so dass sie in Dokumenten (z.B. Stammbuchauszügen) oder Katalogen angedruckt werden können.